Geschichte über Golf
Diese kleinen weißen Kugeln, die sich schwer und trotz der geriffelten Oberfläche irgendwie glatt in die Hand schmiegen, gehen ihr nicht mehr aus dem Kopf.
Neulich, Omelette: Mehl, Salz, Wasser, ein Ei –
wie in Trance – ausholen zum Schlag, den Wind prüfen, Konzentration, einpendeln, weich in den Knien federn, immer den Blick auf den Ball halten. Den Schläger prüfend durch die Luft sausen lassen. Holz 1, locker bleiben, Spannung aufbauen – und aushalten – ausholen zum Schlag.
Mit voller Wucht klatscht das Ei gegen die Fensterscheibe. Esther schaut, wie es an der Scheibe hinunterläuft, wie sich das Gelb langsam in das Eiweiß mischt. Schleimig und klebrig.
Immer und immer wieder verfällt sie in diese Zustände, Eier, weiße Mäuse, Champagnertrüffel alles, was im Entferntesten an einen Golfball erinnert, löst sie aus. Kein Wunder, gab doch das Golftraining ihrem Leben einen Inhalt, ein Ziel, eine fast höhere Bestimmung. Doch das war nicht immer so.
La Margna, das Golfhotel in Sils-Maria, Engadin. Neben ihnen im Doppelzimmer – man weiß ja nie – Rosemarie.
Rolf hatte es sich schon seit langem gewünscht, Golfspielen. Golfschuhe, leichte, möglichst karierte Hosen, Polohemd, ein eng anliegender Kaschmirpullover, den hatte ihm seine Mutter zu Weihnachten geschenkt – mittelblau, nicht gerade seine Lieblingsfarbe – das ganze Ambiente und vor allem: Gesellschaftliche Reputation. Endlich dazugehören, zu den sogenannten besseren Kreisen, das zog ihn. Esther hatte keine Wahl, sie heuchelte Begeisterung und besorgte neben der Ausstattung noch ein paar neue Unterhosen und Socken, alles sollte perfekt sein, so hatte sie mit den Jahren ihre Rolle gefunden.
Rolf hatte klare Vorstellungen vom Leben. Aus einfachen Verhältnissen stammend, hatte er sich hochgearbeitet. Anpassung, Fleiß und Unerbittlichkeit brachten ihn weit und auch von Esther in forderte er höchste Disziplin. Für die Kinderlose ein täglicher Kampf ums Überleben. Ein erfrorenes Lächeln, eine überdimensionale Sonnenbrille, ein Halstuch kunstvoll um den Hals drapiert, den Kragen hoch geschlossen, Esther spielte das Spiel. Längst schon spürte sie keinen Schmerz mehr. Nein, sie hatte nicht die Kraft, nicht mal das Verlangen, sich zu trennen. Das hätte bedeutet, einen eigenen Willen zu haben, doch der war längst gebrochen.
Bisher war es Rolf, der an sich sehr gut aussah, noch nicht gelungen, in die von ihm erstrebten Kreise aufgenommen zu werden. Seit fünf Jahren wohnten er und seine Frau jetzt schon in Kronberg, doch es fehlte die Gelegenheit zur Kontaktaufnahme. Als dann der Golfclub in Hofheim, ganz in der Nähe, eröffnete, witterte er seine Chance. Golf. Sofort buchte er einen Urlaub im Golfhotel Margna, Engadin.
Esther erträgt das tägliche Training auf dem weitläufigen, zum Hotel gehörenden Golfplatz wie all die anderen Spleens, die Rolf hin und wieder auslebt.
Rosemarie – lange schon Stammgast im Margna – beobachtet das Paar aufmerksam. Vor einigen Jahren erlag ihr Mann endlich einem schmerzhaften Magenleiden. Sie versteht. Auf dem Platz dann das erste Gespräch. Einfühlsam baut Rosemarie Vertrauen auf, denn sie spürt Esthers Ängste, wie sie sich zurückzieht und verschließt, ganz wie jemand, der verlernt hat, sich zu achten. Und es gelingt Rosemarie. Aus einer zunächst zaghaften Annäherung wird Freundschaft. Für Esther eine neue Erfahrung. Sie freut sich auf die Gespräche, das Zusammensein mit ihr. Ihr vertraut sie an, was sie erduldet. Rolfs fast tägliche Ausbrüche, ihre Angst, ihm nicht zu genügen.
Doch dann die Wende.
Strahlend blauer Himmel, der See liegt spiegelglatt. Sicht bis ins Bergell. Nicht nur das Tal hatte man bei einer geführten Wanderung über den Höhenweg von Casaccia nach Soglio kennengelernt, sondern auch die Platters, eine Bankiersfamilie aus Zürich. Für Rolf ist der Urlaub gerettet. Heute, früh am Morgen, sind sie zu einer Partie Golf verabredet.
Holz 1. Mit Kennermiene zieht Rolf den Schläger aus dem Sack: Einpendeln, leicht in den Knien federn, den Ball fixieren, nochmals den Wind prüfen, konzentrieren und probehalber den Schläger durch die Luft sausen lassen, federn, erneutes prüfen. Wumms. Gespannt folgen alle Augenpaare dem Ball, der sich in der Weite zu verlieren scheint. Wenige Sekunden später sackt plötzlich und dumpf ein Kalb auf der Wiese zusammen. Es erinnert an eine Szene im Schlachthof. Bolzenschlag, Schlachtung. Peinlich. Die Blicke von Esther und Rosemarie treffen sich und für die Dauer eines Augenblicks scheint alles deutlich. Esther zieht die Sonnenbrille ab, schaut unverwandt in die Sonne und ist geblendet von dem Licht. Ihre Gedanken waren noch nie so klar. Von nun an stürzt sie sich fieberhaft in das Spiel, trainiert täglich mehrere Stunden. Hartes Training, doch sie hat ein Ziel. Rosemarie begreift und steht der Freundin zur Seite.
Den Ball beherrschen, seine Flugbahn bestimmen; ein besonderes Gefühl, das Ziel klar vor Augen zu haben, etwas zu wollen, konsequent. Im Morgengrauen verlässt Esther das Hotel, um in Ruhe alles zu betrachten. Sie denkt viel nach in dieser Zeit. Am liebsten wandert sie zu der Bank kurz vor der Isola, von der aus man den See, Maloya zu der einen Seite und Sils zu der anderen, von oben sehen kann. Sie liebt diese Stimmung, in der sich alles wie unwirklich verwandelt, der See noch dunkel und ruhig, die Berge liegen im Schatten. Plötzlich die ersten Sonnenstrahlen. Was angestrahlt wird, reflektiert zugleich. Ein Leuchten. Das Licht umhüllt alles. Wie ein Mantel legt es sich um die morgendliche Welt und es ist unglaublich, tröstlich und wohltuend wieder Zeugin eines neuen Tages zu sein. – „Von der Dunkelheit zum Licht“ – erst dieser Kontrast bewirkt das Atmen. Esther meint das Dichterwort zu begreifen und spürt, dass sie lebt. „Man muss gewinnen wollen und verlieren können“, Esther las diesen Satz über Bundesrat Ogi in einer Zeitschrift. Aber ihr ist klar, sie will nur noch gewinnen. Das Engadin verführt zum Philosophieren. Sie vergisst nichts, ihr Plan steht. Esther schmunzelt, das Frühstück wartet. Frisch und zufrieden, ein neues, wunderbares Lebensgefühl, wie sie findet, empfängt sie die anderen.
Auch Rosemarie hat ihren Spaziergang gemacht, sie erkennt das Leuchten in Esthers Gesicht.
Man verabredet sich auf dem Platz. 10:00 Uhr, eine gute Zeit, finden alle.
Putter, Holz 1, 2 oder 3, Distanzen bemessen, den richtigen Schläger auswählen, konzentrieren, spielen, korrigieren. Immer und immer wieder. Auch das Schwimmen im Waldhaus gehört zum täglichen Fitness – Ritual. Einmal treffen sich die Blicke von Rolf und Esther. Er bemerkt verwundert ihre Wandlung, ihren Eifer, ihre positive Ausstrahlung. Sein Blick spricht „ich könnte dich lieben“. Ihrer: „Es ist vorbei“. Denn die Art ihres langen Zusammenlebens hat sie unempfänglich gemacht. Es gibt kein Verstehen mehr, noch weniger ein Einfühlen in die Gedanken des anderen. Golf, so könnte man meinen, wurde zu ihrer gemeinsamen Leidenschaft.
Wieder ein blendender Tag, die Sonne sticht heiß. Holz 1. Esther spielt als letzte den Ball. Mit sicherer Hand schlägt sie zu. Der Ball scheint sich in der Weite zu verlieren – Wumms. – Rolf sackt zu Boden.
Ein Unfall. Ein tragischer Unfall, wie die Platters und Rosemarie kurz darauf zu Protokoll geben. Die Sonnenbrille schützt vor den Blicken. Mit ruhiger Hand und scheinbar gefasst holt Esther das Etui mit ihrem Lippenstift heraus und zieht langsam ihre Lippen nach. Tiefes Rot, schon seit Jahren verwendet sie diesen Ton, Channel, No. 40. Die Sonne reflektiert im Spiegel ihres Etuis.
Der Kommissar, geblendet, schließt nach den diversen Befragungen die Akte – ein Unfall – und verlässt die Gesellschaft mit einem leichten Kopfnicken.